Warschau – vom unglücklichen Entlein zum strahlenden Schwan
10 Gründe nach Warschau zu fahren
Ich muss ja zugeben, dass ich mich mit den ehemaligen Ostblock-Ländern reisetechnisch noch nicht wirklich angefreundet hab: Bis vor kurzem stand ich damit fast auf Kriegsfuß und hab nicht verstanden, dass viele meiner Freunde zu Fans geworden sind. Ich selbst bin über die Ost-Grenzen von Ungarn (Budapest!) und Tschechien (Prag!) noch nicht wirklich hinaus gekommen.

Ein gläubiges Warschau! Foto: Simcuk
Das soll sich jetzt aber schleunigst ändern: Nächste Station, Warschau!
Dass das Warschauer Ghetto das zweitgrößte jüdische Ghetto im besetzten Europa war und jetzt bei Besichtigungen die Tränen in die Augen treibt; dass die polnische Hauptstadt im 2. Weltkrieg völlig zerbombt wurde – mein Wissen über Warschau hält sich wirklich in bescheidenen Grenzen. Und es ist nicht sehr einladend, schließlich ist die Geschichte eine mehr als traurige. Achja, eines noch: Besonders katholisch-gläubig scheinen die Polen auch zu sein, stammte doch der frühere Papst Johannes Paul II. aus dem Land.
Ist das alles? Wohl kaum, die Recherche kann also beginnen:
Zehn Dinge über Warschau, die ich zumindest nicht wusste – und die ganz schön beeindrucken:
- Nicht nur das erste Bildungsministerium der Welt, die sogenannte Kommission für National Erziehung, wurde im 18. Jahrhundert in Warschau errichtet, auch die erste moderne Verfassung Europas wurde in der jetzigen polnischen Hauptstadt verabschiedet. Damals zählte Warschau nämlich zu einem der bedeutendsten Zentren für Aufklärung sowie Klassizismus in Europa.
- 1867 wurde die doppelte und vor allem erste weibliche Nobelpreisträgerin Marie Sklodowska-Curie in Warschau, in der Neustadt, geboren. Und auch Frédéric Chopin hat in den 1810/20ern in der Stadt gelebt. Dass es für beide Museen gibt, freut jetzt einmal mehr uns Touristen.
- Warschau ist die größte Baustelle Europas und eine der sich am schnellsten entwickelnden Städte: 20.000 neue Wohnungen und (vor allem Luxus-)Apartments wurden in den letzten Jahren übergeben. Besonders beeindruckend aber ist, dass die gesamte Altstadt nach der Zerbombung im 2. Weltkrieg historisch nachgebaut wurde und heute mit 300 anderen Städten auf der UNESCO-Liste des Welterbes registriert ist. Wieder errichtet wurde in den frühen 50er Jahren auch die Neustadt Warschaus. Viele Gebäude konnten jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgebaut werden und sind nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs für immer verloren.
- Neben Frankfurt, Rotterdam, London und Paris zählt Warschau zu den „höchsten“ Städten Europas – in den 1990er Jahren schossen moderne Wolkenkratzer nur so in die Höhe und verdrängten auch das ehemals höchste Gebäude der Stadt, den Kulturpalast. Der ist übrigens ein Relikt aus der sowietischen Zeit, dem so genannten Sozrealismus: 1952–55 wurde der Palac Kultury i Nauki oder kurz Pałac Kultury (Palast der Kultur und Wissenschaft bzw. Kulturpalast) erbaut. Mittlerweile ist das „potthässliche Ding“, um eine Freundin zu zitieren, aber vor allem für den Jazzklub im Keller bekannt…
- Leicht kann man die polnische Küche nicht nennen – Barszcz, Zurek, Uszki, Golabki, Pirogi, Flaki klingt nicht nur schwer, sondern sind es auch. Und Vegetarier müssen mit verständnislosen Blicken rechnen, sind Fleischgerichte in Polen doch Standard. Dazu gibt’s dann Warka Bier und / oder Trinkhonig. Einfach probieren, dazu gibt es keine Beschreibung!
- Es gibt nur eine einzige U-Bahn-Linie in Warschau, die erst 1995 eröffnet wurde. Sie hat 23,1 Kilometer Länge und umfasst 21 Stationen. Von einer Erweiterung wird seit Jahren gesprochen….
- Sowohl das älteste Plakat- als auch das erste Karikaturmuseum finden sich in Warschau. Doch es wird nicht nur gelacht: Anlässlich des 60. Jahrestages des Warschauer Aufstands wurde am 31. Juli 2004 das Museum des Warschauer Aufstandes (Muzeum Powstania Warszawskiego) eröffnet. An einem Museum der Geschichte der polnischen Juden wird übrigens gerade gebaut – geplante Eröffnung: 2011!
- Das kulturelle Leben ist Warschau ist bunt und das ganze Jahr über verlockend: Ob Festival der zeitgenössischen Musik, Filmfestival, Jazz Jamboree oder MultiMediaArt Festival, Plakat-Biennale, Laientheater-Festival oder Chopin-Klavierwettbewerb – für jeden ist etwas dabei. Daneben ist Warschau vor allem auch für seine vielen kleinen Jazzclub bekannt, die zwar für polnische Verhältnisse ganz schön teuer sind, für Westeuropäer aber doch noch mit „Schnäppchenpreisen“ locken. Wer noch günstiger ausgehen möchte, für den gibt es ganz viele Festivals und Konzerte – zum Beispiel die gratis Chopin-Konzerte im Lazienki-Park (Mai – Oktober) oder die Königlichen Konzerte im Wilanow Palast.
- Wem das jetzt zu viel ist: Auch zum Chillen findet sich Einiges in Warschau– zum Beispiel der Lazienki-Park, der Größte Warschaus und eine der schönsten Parkanlagen Europas.
- Paradoxerweise sind dieWarschauer Friedhöfe die einzigen Zeitzeugen, die die Zerstörung im 2. Weltkrieg „überlebt“ haben: Die ältesten erhaltenen Friedhöfe stammen aus dem 18. Jahrhundert. Die berühmten Polen liegen auf dem Powazki-Friedhof, in dessen Nähe sich gleich einer der größten jüdischen Friedhöfe befindet.

Nach all den tollen Tipps hier die verdiente Pause: im Lazienki Park! Foto: Ana Paula Hirama
Neugierig geworden? Also ich kann es jedenfalls kaum erwarten, mir endlich Warschau anzuschauen – am besten noch bevor die Stadt zur Fußball Europameisterschaft 2012 von den Massen gestürmt wird…



July 14, 2010 
Subscribe to the RSS Feed















Author Info


No comments yet... Be the first to leave a reply!